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Basti, Falko und Stephan sind nun schon die ersten 100 Kilometer im Sattel. Der Schwarm Glühwürmchen hat sich etwas aufgelöst und wir kommen nochmal zur Tür rein, um Basti zu lauschen. Alle Gedanken der Vorbereitung treten in den Hintergrund. Die Reise läuft.

Watch out!

In den ersten Stunden ist unser PBP-Action-Team damit beschäftigt Leute zu überholen. Das soll jetzt kein dezenter Hinweis sein, dass sie schnell sind. Es ist einfach die schiere Masse an Randoneure* auf der Straße unterwegs. Somit sind die ersten Kilometer auch eine Konzentrationssache, da es immer wieder gilt, Obacht bei diesem Vorgang zu geben. Ausfahrten in stattlicher Gruppengröße machen sich hier genauso bezahlt wie Coffein-Kaugummis und gesunder Menschenverstand. Mit dem ersten Stopp und damit verbunden gruppendynamischen Auflösungserscheinungen entspannt sich etwas die Situation. Irgendwie war es von vornherein klar, dass zwischen den Checkpoints immer eine Distanz von ca. 70 bis 90 km liegt. Der Blick auf die Uhr muss hier immer sein. Freiheit hin oder her. An den Stationen gibt es, abhängig von Tageszeit und Fahrer*innenzustand, eine Mahlzeit, Wasser zum Nachfüllen, stilles Örtchen, ein Bettchen oder eben einen Stempel. Es muss aber nicht bei jedem Kontrollpunkt das Brevetheft herausgefummelt werden. Somit lässt das Trio bei der ersten Station das Essen und Stempel liegen, damit kein Zeitverlust entsteht, und gleiten einfach weiter.
Über die Distanz stellt sich dafür natürlich auch eine Routine ein. So beschreibt Basti den Checkpoint-Zyklus wie folgt: Ankommen, Wasserflaschen auffüllen, ggf. Stempel abholen und Essen fassen, definitiv Nachschmieren und weiter geht es.

Days in the sun

Neben der Stempelei, der Möglichkeit zu Schlafen und sich wieder etwas Energie in die Körper zu schaufeln, müssen natürlich auch Kilometer gefressen werden. Die unterschiedlichsten Eindrücke prasseln auf einen ein und Basti sucht für uns die Aufregendsten raus.
Die Strecke, vom Zentrum des Landes hin zur Küste und zurück, liegt eher in einer flachen, aber welligen Ecke mit dem höchsten Punkt bei 352 m nahe Brest. Die Route zieht sich auf verkehrsberuhigten Straßen durch ein Kleinod aus Dörfer mit reizenden Steinhäusern und wunderschönen Landschaften, was das Rollen äußerst angenehm ausfallen lässt. Das aller Schönste, was tief beeindruckt hat, sind die Menschen entlang der Strecke. Überall stehen oder sitzen Anwohner oder Angereiste und feuern die Teilnehmer auf dem gesamten Trip an. Egal in welche Richtung die furiose Karawane rollt. ES wird zelebriert! Alles ist mit Wimpeln, Fahnen und Fahrrädern geschmückt. Es gibt Wasser zum Auffüllen – gratis -, kleine Essenstände mit Kuchen für einen schmalen Taler. Die Leute sind herzlich zu allen Teilnehmern und sehr stolz darauf ein Teil dieses traditionellen Monuments zu sein. Glaubste kaum, weil es in den heimischen Breitengraten leider manchmal an der Fähigkeit Schönes zu empfinden und zu zeigen fehlt.
Unser Trio knallt bei bestem Bedingungen in die Bretagne. Die Sonne spendet bei 20°C eine angehnehme Wärme. Einzig die Windverhältnisse trüben das Summer-Feeling. Laut Wetterfrosch sind bis zu 20 km/h angesagt, was bei offenen Stücken schnell auf 35 km/h gehen kann. Das angesprochene, geübte Fahren in Gruppe sowie die Erfahrungen durch den geliebten Elbflorenzwind machen sich bezahlt. Einmal gibt es einen kurzen Regenguss. Aber aus terminlichen Gründen sitzen die Jungs in der Kantine – Glück gehabt.

Savage nights

Gegen 22 Uhr wird es dunkel, was Licht zur Pflicht macht. Durch die klaren, wolkenlosen Nächte müssen auch die warmen Klamotten schnell zur Hand sein. Und die funkelnde Brevetweste nicht vergessen. Stephan erlaubt sich seine eigene zu tragen, wird prompt kontrolliert und freundlich daraufhin gewiesen die Offizielle umzuschnallen. Somit ist alles sicher und unter Kontrolle? Der Witz ist: Die Dunkelheit wird begleitet von illuminierten Gestalten die kreuz und quer über den Asphalt rollern. Ein Teilnehmer macht völlig Schlaftrunken den irren Ivan und es stellt sich die Fragen, wie solche Mitstreiter vor sich selbst beschützt werden können? Anhalten oder Vorbeiziehen sei keine Option. Sharing is caring!
In der TOP 3 der Dinge, die nicht getan werden sollten, finden wir: in Kurven schlafen, am besten ohne Rettungsdecke bei 5°C sowie Fahren ohne Helm, aber mit Weste! Irre. Die sprachliche Barriere erschwert dabei das pädagogische Gespräch bzw. Appell an den gesunden Menschenverstand und es wächst der Wunsch, dass der Veranstalter in diesen Fällen mehr in die Pflicht genommen wird.
Schlaf hat sich unser illustres Trio tatsächlich auch gegönnt. Dabei wurden die Länge anscheinend gewürfelt oder einfach an die Abfolge angepasst: eins – zwei – drei. Für den letzten, ausgedehnten Power-Nap wurde sich richtig was gegönnt, um die letzten 90 Kilometer im morgendlichen, wärmenden Schein zurückzulegen.
Basti erzählt, dass, erst auf sein Drängen hin, bei 700 km die Dusche in einem der Kultur-Sport-Zentren angeworfen wurde. Was soll der Geiz, wenn schon alles mitgeschleppt wird? Für sportive drei bis acht Euro war die Übernachtung auf Feldbetten mit Decke und Taschenlampenweckdienst inbegriffen. Es war nur wichtig seine Weckzeit zu hinterlassen. Basti zeichnet ein Bild vorm geistigen Auge: Ein Raum, Gerüche, Geräusche, Geträume.

Never change a running system?

Basti winkt bei der Frage ab: Erstens ist neu doch immer besser und zweitens war es ein Einfaches die Daten vom alten Esel zu übernehmen. Dass die Boys von Light Wolf darin fit sind, ist passend. Zusätzlich gehört der Mythos: „Ich habe mein Bike eingeritten.“ einfach begraben. Nach 700 Kilometern hängen auch dies Ritter*innen wie ein verdorrte Sumpfdotterblume im Sattel. So please, take care of your Position!
Für unseren Knaller traf dies allerdings nicht zu und alles hat sauber funktioniert. Die Wahl der dickeren Schlappen war richtig für den eher ruppigen Asphalt. Zwar braucht es ein paar mehr Watt, um über diesen einfach hinwegzuschweben. Aber das hält Bastis Brennkammer aus, lässt gar Carbon alt aussehen und nach ca. 360 km war er dann auch warm. (sic!)
Unser Clueless bekam viel Aufmerksamkeit bei den gängigen Abcheck-Standoffs, erzählt Basti. Gerade von Stahlliebhabern. Der nächsten Runde für Mensch und Maschine steht also nichts im Weg. Immer wieder – gern länger.

Récapitulation

Keine Beschwerden. Nicht mal der Arsch tat weg. In keiner Minute der Reise ist Basti in irgendeiner Form eine Exit-Strategie in den Sinn gekommen. Er ist einfach abgestiegen, die Funktionalität des Körpers war gegeben, das Rad hat gehalten und beim Bike-Packing-Tetris wurde auch jeder Level besiegt. Einzig ein langes dünnes Trikot wäre die Kirsche auf der Sahne dieser fürstlichen Reise gewesen.
Bei der Frage nach den negativen wie positiven Momenten kommt es wie aus der Pistole geschossen: Das Essen. Im Feinschmeckerprogramm tauchten in unterschiedlichen Intervallen Kassler, Hühnchen und Fisch mit wahlweise Reis oder Nudeln auf. Da kommt ein Besuch im Restaurant „Zur goldenen Möwe“ dem Ritz gleich. Auf der glückseligen Haben-Seite geht der erste Dank an uns, da unser Clueless die beste Reisegesellschaft ist. Noooo, you are crying…
Der Zweite dann an Petrus, weil das Wetter einfach genau richtig, wenn nicht sogar perfekt war. Allein die Vorstellung von Nieselregen bei 10°C oder noch schlimmer ist eher gruselig. Daher dreimal auf Stahl geklopft, dass es zukünftig so bleibt, auch wenn diese Negativerfahrung auch eine Erfahrung wäre. Der letzte Satz haut uns dann aber nochmal aus den Socken: „Wenn Brevet, dann nie wieder in diesem Format, sondern eher klassisch.“
In diesem Sinne nur das Beste für unseren lonely long-distance cycler!

Christoph, Henri, René – August 2019